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Die vorliegende Rahmenerzählung
"Das Wirtshaus im Spessart" ist den "Märchen für Söhne
und Töchter gebildeter Stände"
entnommen. Als Textgrundlage diente die Ausgabe von G. Schwab
(1830/31), und die sechsbändige Ausgabe von Prof. Adolf Stern (o. J.). Verwendet
wurden die Ergebnisse
der Forschung des Schwäb. Schillervereins, hrsg. von K. Stenzel,
lexikalische und mehrere Literaturgeschichtsangaben
sowie J. Arnaudoffs Dissertation, 1915.
Unter den deutschen
Märchendichtern Fouqué, E. Th. A. Hoffmann, Gebrüder Grimm,
Brentano
u. a. hat sich Hauff einen festen Platz
gesichert. Seine Märchen sind in ihrer Frische und
ihrem volksverbundenen Humor nicht mehr
wegzudenken aus dem großen Märchenschatz unseres
Volkes. Leo Winter
Das Wirtshaus im Spessart
Vor vielen
Jahren, als im Spessart die Wege noch schlecht und nicht so häufig als jetzt
befahren waren,
zogen zwei junge Burschen durch den Wald. Der eine mochte achtzehn
Jahre alt sein und war ein Zirkelschmied,
der andere, ein Goldarbeiter, konnte nach seinem Aussehen
kaum sechzehn Jahre haben und machte wohl jetzt eben seine erste Reise in die
Welt.
Der Abend war schon heraufgekommen,
und die Schatten der riesengroßen Fichten und Buchen
verfinsterten den schmalen Weg, auf dem die beiden wanderten. Der Zirkelschmied
schritt wacker
vorwärts und pfiff ein Lied, schwatzte auch wohl zuweilen mit Munter, seinem
Hund, und schien
sich nicht viel darum zu kümmern, daß die Nacht nicht mehr fern, desto
ferner aber die
nächste Herberge sei. Aber Felix Wenn
der Wind durch die Bäume rauschte, so war es ihm, als höre er Tritte
hinter sich. Wenn
das Gesträuch am Wege hin und her wankte, sich teilte, glaubte er Gesichter
hinter den Büschen
lauern zu sehen. Der
junge Goldschmied war sonst nicht abergläubisch oder mutlos. In Würzburg,
wo er gelernt
hatte, galt er unter seinen Kameraden für einen unerschrockenen Burschen,
dem das Herz
am rechten Fleck sitze; aber heute war ihm doch sonderbar zumut. Man hatte ihm
vom Spessart
so mancherlei er zählt. Eine große Räuberbande sollte dort ihr
Wesen treiben, viele Reisenden
waren in den letzten Wochen geplündert worden, ja man sprach sogar von
einigen greulichen Mordgeschichten,
die vor nicht langer Zeit dort vorgefallen seien. Da war
ihn nun doch etwas bange für sein
Leben, denn sie waren ja nur zu zwei und konnten gegen bewaffnete
Räuber gar wenig ausrichten. Oft gereute es ihn, daß er dem Zirkelschmied
gefolgt war,
noch eine Station zu gehen, statt am Eingang des Waldes über Nacht zu
bleiben. "Und
wenn ich heute nacht totgeschlagen werde und um Leben und alles komme, was ich
bei mir habe,
so ists nur deine Schuld, Zirkelschmied, denn du hast mich in den
schrecklichen Wald hereingeschwatzt."
"Sei kein Hasenfuß",
erwiderte der andere, "ein rechter Handwerksbursche soll eigentlich
sich gar nicht fürchten. Und was
meinst du denn? Meinst du, die Herren Räuber im Spessart
werden uns die Ehre antun, uns zu überfallen
und totzuschlagen? Warum sollten sie sich diese
Mühe geben? Etwa wegen meines Sonntagsrocks, den ich im Ranzen habe, oder
wegen des Zehrpfennigs
von einem Taler? Da muß man schon mit vieren fahren, in Gold
und Seide gekleidet sein, wenn sie
es der Mühe wert finden, einen totzuschlagen."
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