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Meine Schwester schämte sich, von den andern verlacht zu werden, darum sagte sie: ,Oh,
das ist mir ein leichtes; was wollt ihr für eine Blume?
,Es blüht im ganzen Dorf keine weiße Rose als dort; darum bring uns einen Strauß von
diesen, antwortete eine ihrer Freundinnen. Sie stand auf und ging, und alle Männer lobten
ihren Mut, aber die Frauen schüttelten den Kopf und sagten: ,Wenn es nur gut abläuft!
Meine Schwester ging dem Kirchhof zu: der Mond schien hell, und sie fing an zu schaudern,
als es zwölf Uhr schlug und sie die Kirchhofpforte öffnete.
Sie stieg über manchen Grabhügel weg, den sie kannte, und ihr Herz wurde bangte und
immer banger, je näher sie zu Käthchens weißen Rosen und zum Grab des gespenstigen
Krämers kam.
Jetzt war sie da; zitternd kniete sie nieder und knickte die Blumen ab. Da glaubte sie ganz in
der Nähe ein Geräusch zu ernehmen; sie sah sich um: Zwei Schritte von ihr flog die Erde
von einem Grab hinweg, und langsam richtete sich eine Gestalt daraus empor. Es war ein
alter, bleicher Mann mit einer weißen Schlafmütze auf dem Kopf. Meine Schwester erschrak;
sie schaute noch einmal hin, um sich zu überzeugen, ob sie recht gesehen; als aber der im
Grabe mit näselnder Stimme anfing zu sprechen: ,Guten Abend, Jungfer; woher so spät?,
da erfaßte sie ein Grauen des Todes; sie raffte sich auf, sprang über die Gräber hin nach
jenem Hause, erzählte beinahe atemlos, was sie gesehen, und wurde so schwach, daß man
sie nach Hause tragen mußte. Was nützte es uns, daß wir am andern Tage erfuhren, daß es
der Totengräber gewesen sei, der dort ein Grab gemacht und zu meiner armen Schwester
gesprochen habe? Sie verfiel noch, ehe sie dies erfahren konnten, in ein hitziges Fieber, an
welchem sie nach drei Tagen starb. Die Rosen in ihrem Totenkranz hatte sie sich selbst
gebrochen."
Der Fuhrmann schwieg, und eine Träne hing in seinen Augen, die andern aber sahen
teilnehmend auf ihn.
"So hat das arme Kind auch an diesem Köhlerglauben sterben müssen", sagte der junge
Goldarbeiter; "mir fällt da eine Sage bei, die ich euch wohl erzählen möchte und leider mit
einem solchen Trauerfall zusammenhängt."
Die Höhle von Steenfoll
Eine schottländische Sage
Auf einer Felseninsel Schottlands lebten vor vielen Jahren zwei Fischer in glücklicher
Eintracht. Sie waren beide unverheiratet, hatten auch sonst keine Angehörigen, und ihre
gemeinsame Arbeit, obgleich verschieden angewendet, nährte sie beide. Im Alter kamen sie
einander ziemlich nahe, aber von Person und an Gemütsart glichen sie einander nicht mehr
als ein Adler und ein Seekalb.
Kaspar Strumpf war ein kurzer, dicker Mensch mit einem breiten fetten Vollmondgesicht und
gutmütig lachenden Augen, denen Gram und Sorge fremd zu sein schienen. Er war nicht nur
fett, sondern auch schläfrig und faul, und ihm fielen daher die Arbeiten des Hauses, Kochen
und Backen, das Stricken der Netze zum eigenen Fischfang und zum Verkaufe, auch ein
großer Teil der Bestellung ihres kleinen Feldes anheim. Ganz das Gegenteil war sein
Gefährte; lang und hager, mit kühner Habichtnase und scharfen Augen, war er als der
tätigste und glücklichste Fischer, der unternehmendste Kletterer nach Vögeln und Daunen,
der fleißigste Feldarbeiter auf den Inseln und dabei als der geldgierigste Händler auf dem
Markte zu Kirchwall bekannt; aber da seine Waren gut und sein Wandel frei von Betrug war,
so handelte jeder gern mit ihm, und Wilm Falke (so nannten ihn seine Landsleute) und
Kaspar Strumpf, mit welchem erster trotz seiner Habsucht gerne seinen schwer errungenen
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